Erntestatistik mit Satellitendaten – Das Projekt FernEE 2.0

Erntestatistik mit Satellitendaten – Das Projekt FernEE 2.0
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Die Erntestatistik steht in Niedersachsen auf zwei großen Säulen – der Besonderen Ernte- und Qualitätsermittlung (BEE) und der Ernte- und Betriebsberichterstattung (EBE). Die Pflichterhebung BEE liefert dabei ein gemessenes Ergebnis für das Land, die freiwillige Statistik EBE Datenschätzungen auf Ebene der Statistischen Regionen und der Landkreise. In Zukunft sollen diese beiden Verfahren mit Satellitendaten unterstützt werden. Dazu nimmt das LSN am Projekt FernEE 2.0 des Hessischen Statistischen Landesamtes teil.

Karina Krampf zeigt Arbeitsergebnisse am PC.
Quelle LSN

Karina Krampf, wissenschaftliche Mitarbeiterin des LSN im Bereich Agrarstatistiken, erklärt, worum es bei FernEE 2.0 geht und wie die Ergebnisse in Zukunft helfen können, die Erntestatistik zu optimieren und die Digitalisierung auszubauen.

Worum handelt es sich bei FernEE 2.0?

Karina Krampf: Bei FernEE 2.0 handelt es sich um ein Projekt des Hessischen Statistischen Landesamtes (HSL) zur Ermittlung von Ernteergebnissen anhand von Satellitendaten. Das LSN nimmt bereits seit dem Jahr 2022 teil. Wir liefern jedes Jahr gemessene Daten der Besonderen Ernte- und Qualitätsermittlung BEE zu Weizen, Gerste und Roggen und mittlerweile auch zu Sommergerste, Triticale und Kartoffeln.

Ist das Projekt flächendeckend in Deutschland?

Karina Krampf: Noch nicht. Außer uns nehmen noch weitere Bundesländer wie Bayern, Berlin-Brandenburg, das Saarland oder auch Thüringen teil. Insgesamt sind mittlerweile mehr als die Hälfte aller Bundesländer an Bord. Das ist schön, denn je mehr teilnehmen, desto größer ist der Datenschatz, auf dem die Ergebnisse aufgebaut werden können. Außerdem ziehen wir so alle an einem Strang und können das Verfahren für alle Länder vereinheitlichen.

Wie funktioniert FernEE 2.0?

Karina Krampf: Für das Projekt werden Daten der Copernicus Mission der Europäischen Weltraumorganisation ESA sowie Wetter- und Lagedaten der Flächen und allen voran Daten der Besonderen Ernte- und Qualitätsermittlung genutzt. Wir liefern dazu im Herbst jeden Jahres unsere Daten aus der BEE, die im Volldruschverfahren – dabei wird die Ernte eines gesamten Ackers gewogen – erhoben wurden. Es sind also gemessene Werte am Boden, die eine gesicherte Datengrundlage bieten. Das HSL hat zur Methodik einen sehr schönen Artikel veröffentlicht, den ich nur empfehlen kann. Es wird deutlich, wie viel Aufwand hinter dieser Auswertung steckt und wie die Modelle mit maschinellem Lernen trainiert werden.

Gibt es bereits Ergebnisse?

Karina Krampf: Ja, bereits seit dem ersten Teilnahmejahr erhalten wir jedes Jahr Ergebnisse, die sich in meinen Augen stets verbessert haben. Auch wenn eine Einschätzung nicht immer so einfach ist.

Wie schätzen Sie die Ergebnisse ein?

Karina Krampf: Wie bereits gesagt, ist das nicht immer einfach. Ein direkter Vergleich mit den Daten der Ernte- und Betriebsberichterstattung EBE ist aus verschiedenen Gründen nicht möglich. Zum einen liegen nicht in jedem Jahr Kreisergebnisse der EBE für die Erntemengen vor, sondern nur in Jahren mit einer Vollerhebung von Bodennutzungsdaten. Der Standard sind also nur Ergebnisse auf Ebene der Statistischen Regionen. Die Ertragsdaten hingegen beruhen auf Schätzungen und können in jedem Jahr auf Kreisebene veröffentlicht werden, sofern genügend Meldungen eingegangen sind. Zum anderen ist die EBE ein komplexes Verfahren. Betriebe melden beispielsweise für ihre gesamten Flächen oder nur für einen Teil. Auch gibt es ehrenamtliche Ernteschätzerinnen und Ernteschätzer, die für verschiedene Betriebe melden. Es ist also nicht genau ersichtlich, für welche Flächen gemeldet wurde und wo diese im Landkreis genau liegen. Ebenso beruht das Verfahren auf der Schätzung erfahrener Landwirtinnen und Landwirte und ist damit auch subjektiv beeinflusst. Das erschwert einen direkten Vergleich. Intern haben wir uns natürlich einen Vergleich angesehen und festgestellt, dass es Kreise gibt, bei denen EBE- und FernEE-Ergebnisse sehr gut zusammenpassen. Aber es gibt auch Bereiche mit großen Abweichungen. Teilweise gab es hier nur wenig Melderinnen und Melder der EBE, manchmal lag es aber auch an schwierigen Witterungsbedingungen im Jahr, die dem Modell von FernEE die Einschätzung der realen Erträge erschwerten.

Wie geht es mit der Bewertung der Ergebnisse weiter?

Karina Krampf: Wir sind hier noch im Findungsprozess, die Ergebnisse besser validieren zu können und arbeiten dabei auch mit dem HSL zusammen. Dort wird das Modell bereits als sehr gut eingeschätzt. Diese Ansicht teilen wir auf jeden Fall. Wobei noch erwähnt werden sollte, dass nicht einfach nur ein großes niedersächsisches Ergebnis vorliegt, auch jede Fruchtart muss einzeln betrachtet werden. Wir hoffen aber, in sehr naher Zukunft hier mehr Erkenntnisse zu gewinnen. Im bereits genannten Artikel wird das Modell an sich überprüft, man kann dort sehr gut nachlesen, wie genau die Daten sind.

Welche Chancen bietet FernEE 2.0 für die Erntestatistik und das LSN?

Karina Krampf: Die größte Chance für die Erntestatistik sind jährlich verfügbare Kreisergebnisse für Erntemengen. Das gab es so bisher nur für die Erträge. Zudem sinkt die Bereitschaft vieler Betriebe, – aufgrund gestiegener Arbeitsbelastung auf dem Hof – freiwillig für die EBE zu melden. Das erschwert die Ergebniserstellung ungemein. Projekte wie FernEE können dabei unterstützen, diese Lücke zu füllen. Für das LSN bedeutet das Projekt, im Digitalisierungsprozess aktiv dabei zu sein und Betriebe zu entlasten. Hier ist Bürokratieabbau das große Stichwort. Wir freuen uns, daran Teil zu haben und hoffen, mit diesen Maßnahmen in naher Zukunft Betriebe von Berichtspflichten befreien zu können.

Wie wird es weitergehen?

Karina Krampf: Wir werden weiterhin am Projekt teilnehmen und hoffen darauf, dass die Ergebnisse in die Amtliche Statistik einfließen werden. Sicher wird es noch ein paar Jahre dauern, bis die Daten gesichert genug sind, dass sie offiziell genutzt werden. Dennoch möchten wir die Ergebnisse gerne bald parallel veröffentlichen. Als Neuerung im Projekt werden ab diesem Jahr (Anmerkung Redaktion: 2025) auch Daten zu Kartoffeln generiert. Das ist ein absolutes Novum, da die Ernte sozusagen unter der Erde wächst und nicht offensichtlich auf dem Feld. Wir sind also sehr gespannt, was uns die kommenden Jahre bringen werden. Wir sehen uns aber gut aufgestellt, die Zukunft der Ernteermittlung mitzugestalten.

Dabei möchte ich noch erwähnen, dass FernEE 2.0 nicht unser einziges Projekt ist. Wir nehmen auch an SatErnte teil. Das ist ein ähnliches Vorhaben mit einem leicht veränderten methodischen Ansatz in Kooperation mit dem Julius Kühn-Institut. Wir erhoffen uns so noch weitere Erkenntnisse. Allerdings liegen uns hier noch keine Ergebnisse vor.

Vielen Dank für das Gespräch.


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