Rückblick auf die Jahrestagung 2026: 80 Jahre Niedersachsen – Wirtschaft im Wandel. Quo Vadis?

Rückblick auf die Jahrestagung 2026: 80 Jahre Niedersachsen – Wirtschaft im Wandel. Quo Vadis?
Foto: LSN

Wie hat sich die niedersächsische Wirtschaft in den vergangenen 80 Jahren verändert? Und wie kann Niedersachsen die aktuellen Herausforderungen von Fachkräftemangel, Digitalisierung und internationalem Wettbewerb bewältigen? Diesen Fragen widmete sich die Jahrestagung 2026 des Landesamtes für Statistik Niedersachsen (LSN) am 1. September im Leibnizhaus Hannover.

Anlässlich des 80-jährigen Bestehens des Landes Niedersachsen begrüßte LSN-Präsidentin Simone Lehmann zahlreiche Gäste aus Politik, Verwaltung, Wirtschaft und Wissenschaft. In ihrer Eröffnungsrede spannte sie den Bogen von den Anfängen der amtlichen Statistik in der Nachkriegszeit bis zu den Herausforderungen der Gegenwart. Verlässliche Daten, so ihre zentrale Botschaft, seien gerade in einer Zeit tiefgreifender Transformationsprozesse wichtiger denn je und bildeten eine gemeinsame Faktenbasis für politische und gesellschaftliche Entscheidungen.

Durch das Programm führte erneut Niklas Kleinwächter vom Politikjournal „Rundblick Niedersachsen“.

Strukturwandel in Zahlen

Den fachlichen Auftakt gestalteten Franziska Große und Nils Warmboldt vom LSN. Anhand langfristiger statistischer Zeitreihen zeichneten sie die wirtschaftliche Entwicklung Niedersachsens nach. Dabei wurde deutlich, wie sich das Land seit den 1960er-Jahren von einer agrarisch und industriell geprägten Wirtschaft zu einer Dienstleistungsgesellschaft gewandelt hat. Während die Dienstleistungsbereiche heute rund zwei Drittel der Bruttowertschöpfung erwirtschaften, bleibt Niedersachsen zugleich ein bedeutender Industrie- und Agrarstandort. Besonders hervorzuheben ist die starke Stellung der niedersächsischen Landwirtschaft, Forstwirtschaft und Fischerei, auf die mehr als ein Fünftel der gesamtdeutschen Wertschöpfung dieses Wirtschaftsbereichs entfällt, die gleichzeitig aber nur 2,4 Prozent an der gesamten Wertschöpfung Niedersachsens ausmacht.

Ein weiterer Schwerpunkt lag auf der aktuellen wirtschaftlichen Entwicklung. Die Auswertungen zeigten, dass Niedersachsen den gesamtdeutschen Konjunkturverlauf grundsätzlich nachvollzieht, gleichzeitig aber von seiner Exportorientierung geprägt ist und sich Handelshemmnisse wie neue Zölle somit entsprechend stark auswirken können. Vorgestellt wurden außerdem Ergebnisse der Unternehmensdemografie. Zwar werden weiterhin mehr Unternehmen gegründet als geschlossen, jedoch verringerte sich dieser Abstand zuletzt. Zudem besteht nach drei Jahren nur noch etwas mehr als die Hälfte der „echten“ neu gegründeten Unternehmen am Markt, welche aber wiederum ihren Umfang an Beschäftigten im Durchschnitt deutlich erhöhten.

Foto Publikum
Foto: LSN

Wirtschaft braucht Zuversicht und gute Rahmenbedingungen

Aus Sicht der Wirtschaft ordnete Benedikt Hüppe, Hauptgeschäftsführer der Unternehmerverbände Niedersachsen e. V., die aktuellen Herausforderungen ein. Er würdigte die amtliche Statistik und deren Zahlen als unverzichtbare Grundlage für politische und wirtschaftliche Entscheidungen. Oft würden statistische Erkenntnisse Entwicklungen sichtbar machen, lange bevor diese breite öffentliche Aufmerksamkeit erhielten. Zahlen, Daten und Fakten seien eine zentrale Voraussetzung für tragfähige Zukunftsentscheidungen.

Trotz der derzeitigen Schwierigkeiten in einzelnen Branchen, insbesondere der Automobilwirtschaft, sieht Hüppe Niedersachsen weiterhin gut aufgestellt. Neben dem Mittelstand als Rückgrat der Wirtschaft hob er die Stärken in Bereichen wie Maschinenbau, Chemie, Gesundheitswirtschaft sowie Informations- und Kommunikationstechnologien hervor. Zugleich sprach er sich für schnellere Planungs- und Genehmigungsverfahren, mehr Innovationsbereitschaft und einen konsequenten Bürokratierückbau aus. Dabei stellte er ausdrücklich klar, dass sich diese Forderung nicht gegen die amtliche Statistik richte. Die eigentlichen Hemmnisse sah er in der Vielzahl regulatorischer Vorgaben sowie umfangreicher Berichts-, Dokumentations- und Nachweispflichten, die Investitionen und Innovationen zunehmend erschwerten, aber eben nicht jene der amtlichen Statistik.

Warum Zuversicht kein Luxus ist

Für einen anderen Blick auf Zukunft und Wandel sorgte der Zukunftsforscher Prof. Dr. Ulrich Reinhardt von der Fachhochschule Westküste. Ausgehend von Langzeitstudien und Umfrageergebnissen stellte er die Frage, warum in vielen Bereichen eine wachsende Zukunftsskepsis wahrgenommen wird, obwohl zahlreiche objektive Indikatoren langfristig positive Entwicklungen zeigen. So seien Lebenserwartung, Bildungsstand und Lebensqualität über Generationen hinweg deutlich gestiegen. Gleichzeitig zeigten Untersuchungen, dass jüngere Menschen häufig optimistischer in die Zukunft blicken als ältere Generationen.

Reinhardt machte deutlich, dass Wahrnehmungen häufig stärker von negativen Nachrichten als von langfristigen Entwicklungen geprägt würden. Gleichzeitig verwies er auf tatsächliche Herausforderungen wie den demografischen Wandel, den Fachkräftemangel und die sinkende internationale Attraktivität Deutschlands als Arbeitsstandort. Umso wichtiger seien Zuversicht, Offenheit für Neues, Übernahme von Verantwortung und die Bereitschaft, auch Fehler als Teil von Lernprozessen zu akzeptieren. „Wir müssen mehr wagen und mehr ausprobieren“, lautete eine seiner zentralen Botschaften.

Diskussion über Innovation, Regulierung und Eigenverantwortung

In der abschließenden Podiumsdiskussion diskutierten Benedikt Hüppe, Prof. Dr. Ulrich Reinhardt und Franco Canosa von der NBank über die Zukunft des Wirtschaftsstandorts Niedersachsen. Im Mittelpunkt standen die Förderung von Innovationen, die Rolle des Staates, die Bedeutung von Bildung sowie der Umgang mit Regulierung und bürokratischen Anforderungen.

Foto der Podiumsdiskussion
Foto: LSN

Canosa verwies auf positive Entwicklungen bei Start-Ups im Bereich Digitalisierung und Künstliche Intelligenz sowie auf das Engagement der NBank für Mittelstand und Wohnungsbau. Hüppe betonte die weiterhin zentrale Bedeutung der Automobilindustrie und plädierte für mehr Tempo bei Innovationen und Genehmigungen. Reinhardt sprach sich für eine stärkere Kultur des Ausprobierens aus, in der Scheitern nicht als Makel, sondern als Lernchance verstanden wird. Einig waren sich die Diskussionsteilnehmer darin, dass Bildung, Weiterbildung und die Bereitschaft zur Veränderung entscheidende Faktoren für die zukünftige Entwicklung Niedersachsens sein werden.

Wandel gestalten

In ihrem Schlusswort griff Simone Lehmann den Leitgedanken der Veranstaltung nochmals auf: Wandel habe Niedersachsen in den vergangenen 80 Jahren geprägt und werde dies auch künftig tun. Entscheidend sei, Entwicklungen nicht nur zu beobachten, sondern aktiv mitzugestalten. Die Jahrestagung 2026 machte deutlich, dass belastbare Daten, wirtschaftliche Innovationskraft und gesellschaftliche sowie persönliche Zuversicht dabei wichtige Voraussetzungen bleiben.

Die Folien zu den Vorträgen von Franziska Große und Nils Warmboldt sowie von Prof. Dr. Ulrich Reinhardt können auf der Website des LSN heruntergeladen werden.