Demografischer Wandel in Niedersachsen bis zum Jahr 2045

Demografischer Wandel in Niedersachsen bis zum Jahr 2045
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Ergebnisse der 5. regionalisierten Bevölkerungsvorausberechnung (Teil 2): In den vergangenen Jahren wurden die Auswirkungen des demografischen Wandels intensiv debattiert. Grundlage für die Diskussion sind vorausberechnete Bevölkerungszahlen, die Hinweise auf die Bevölkerungsstruktur in der Zukunft geben. Mit Veröffentlichung der 5. regionalisierten Bevölkerungsvorausberechnung sind Aussagen zum Ausmaß des demografischen Wandels in Niedersachsens Landkreisen, kreisfreien und großen Städten möglich. Ausgehend von zentralen Kennzahlen wie dem Alten- und Jugendquotienten sowie dem Belastungsquotienten und deren zukünftiger Entwicklungen werden nachfolgend Analysen zum demografischen Wandel in Niedersachsen vorgenommen.

Definition und Berechnung

JugendquotientDer Jugendquotient setzt die Bevölkerung unter 20 Jahren ins Verhältnis zu 100 Personen der mittleren Bevölkerungsgruppe (20 bis 64 Jahre). Der Jugendquotient gibt somit Auskunft über das Verhältnis zwischen der Gruppe der unter 20-Jährigen und der Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter.
  • Jugendquotient = Zahl der unter 20-Jährigen dividiert durch Zahl der 20- bis 64-Jährigen
AltenquotientDer Altenquotient bezieht die Bevölkerung im Alter von 65 Jahren und älter auf 100 Personen der mittleren Bevölkerungsgruppe (20 bis 64 Jahre). Der Altenquotient gibt somit Auskunft über das Verhältnis zwischen der Gruppe der mindestens 65-Jährigen und der Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter.
  • Altenquotient = Zahl der ab 65-Jährigen dividiert durch Zahl der 20- bis 64-Jährigen
BelastungsquotientDer Belastungsquotient setzt die Bevölkerung unter 20 Jahren und die Bevölkerung im Alter von 65 Jahren und älter ins Verhältnis zu 100 Personen der mittleren Bevölkerungsgruppe (20 bis 64 Jahre). Der Belastungsquotient gibt somit Hinweise auf das Verhältnis von nicht erwerbsfähiger und erwerbsfähiger Bevölkerung.
  • Belastungsquotient = Zahl der unter 20-Jährigen und Zahl der ab 65-Jährigen dividiert durch Zahl der 20- bis 64-Jährigen = Altenquotient + Jugendquotient
Im Jahr 2024 lag das durchschnittliche Renteneintrittsalter in Deutschland bei 64,7 Jahren (vgl. https://www.destatis.de/DE/Im-Fokus/Durchschnittsmensch/_inhalt.html).

Bevölkerungsstruktur in Niedersachsen verändert sich in den nächsten 10 Jahren gravierend

Die Bevölkerung Niedersachsens wird bis zum Jahr 2045 zunehmend älter. Bereits im Jahr 2035, also in etwa 10 Jahren, werden bei angenommener moderater Entwicklung der Zuwanderung, Geburtenrate und Lebenserwartung in Niedersachsen rund 2,24 Millionen Personen mindestens 65 Jahre alt sein. Das entspricht einem Zuwachs dieser Altersgruppe von rund 20,9% (+387.729) im Vergleich zum betrachteten Ausgangsjahr 2024. Ausgehend vom Jahr 2035 werden dann bis zum Jahr 2045 nur noch vergleichsweise geringe Veränderungen in diese Altersklasse modelliert, sodass die Anzahl der Personen im Alter von 65 Jahren und älter in Niedersachsen im Jahr 2045 rund 2,28 Millionen Personen betragen wird.

Im gleichen betrachteten Zeitraum von 2024 bis 2045 sinkt die Bevölkerungszahl der Personen im erwerbsfähigen Alter zwischen 20 und 64 Jahren um 695.960 Personen (-15,0%). Es ist somit zu erwarten, dass sich das Arbeitskräftepotential verringern und parallel die Anzahl der Personen im Rentenalter zunehmen wird, wie auch aus der Gegenüberstellung der dargestellten Bevölkerungspyramiden deutlich wird.

Abbildung 1 zeigt Bevölkerungspyramiden des Landes Niedersachsen für die Jahre 2024, 2035 und 2045 bei angenommener moderater Entwicklung der demografischen Komponenten. Auffällig ist dabei hierbei der deutliche demografische Wandel am oberen Ende der Altersverteilung. Während im Ausgangsjahr 2024 die Kohorten der 55- bis 64-Jährigen noch am stärksten besetzt sind, werden es 2035 die 65- bis 74-Jährigen sein, die den größten Anteil der Bevölkerung ausmachen. Dieser demografische Veränderungsprozess setzt sich bis zum Jahr 2045 fort, sodass im Jahr 2045 relativ große Teile der Bevölkerung mindestens 64 Jahre alt sein werden.
A1 Bevölkerungspyramide für die Jahre 2024, 2035 und 2045

Demografische Alterung in den kommenden 10 Jahren stärker als in den letzten 30 Jahren

Der Altenquotient gibt Hinweise darauf, wie sich das Verhältnis der Anzahl der Personen im Alter von 65 Jahren und älter zur Anzahl der erwerbsfähigen Personen entwickelt, und ermöglicht damit Aussagen über die potentielle künftige demografische Alterung sowie Rahmenbedingungen für Rente und Pensionen.

Auf 100 Personen im erwerbsfähigen Alter zwischen 20 und 64 Jahren im Jahr 2024 kamen rund 40 Personen, die mindestens 65 Jahre alt waren. Zum Vergleich: Im Jahr 1994 lag der Altenquotient noch bei 25,6. Damit ist er in den vergangenen 30 Jahren um rund 14,4 bzw. 56,0% gestiegen.

Bei moderater Entwicklung der demografischen Komponenten wird bis zum Jahr 2035 ein Zuwachs des Altenquotienten auf 54,6 erwartet und damit ein etwas mehr als ebenso großer Anstieg innerhalb von nur 10 Jahren (+14,6). Dies verdeutlicht, wie stark sich die demografische Alterung in der näheren Zukunft beschleunigt. Im Jahr 2045 werden dann voraussichtlich 57,8 Personen im Rentenalter auf 100 Personen im Erwerbsalter kommen. Insgesamt erhöht sich der Altenquotient vom Jahr 2024 auf das Jahr 2045 um etwa 44,5%.

Jugendquotient steigt in Niedersachsen nur geringfügig

In Abbildung 2 sind sowohl die historische, als auch die zukünftige Entwicklung des Alten- Jugend- und- Belastungsquotienten in Niedersachsen, wobei hier eine moderate Entwicklung der demografischen Komponenten unterstellt wird. In den vergangenen 20 Jahren sind sowohl der Alten- als auch der Belastungsquotient gestiegen. Der Jugendquotient ist dagegen zurückgegangen. In den kommenden 10 Jahren werden sowohl der Alten- als auch der Belastungsquotient deutlich anwachsen. Ab dem Jahr 2035 setzt eine Plateaubildung ein, sodass nur noch geringe Anstiege beider Quotienten erwartet werden. Der Jugendquotient verändert sich nur geringfügig in den kommenden 20 Jahren.
A2 Demografische Kennzahlen vom Jahr 1994 bis 2045 bei moderater demografischer Entwicklung in der Zukunft

Dagegen steigt der Jugendquotient nur geringfügig im gleichen Betrachtungszeitraum von 32,5 auf 34,1 (+4,9%). Zwar sinkt die Anzahl der Personen, die höchstens 19 Jahre alt sind, bis zum Jahr 2045, allerdings ist der Rückgang nicht so stark wie in der Altersgruppe der 20- bis 64-Jährigen. Da sowohl der Jugend- als auch der Altenquotient bis zum Jahr 2045 steigen werden, ergibt sich in Summe auch eine Erhöhung des Belastungsquotienten von 72,5 auf 91,9.

Höhere Zuwanderung kann demografischen Wandel in Niedersachsen nicht aufhalten

Der größte Unsicherheitsfaktor bei Bevölkerungsvorausberechnungen sind die Annahmen zur Zuwanderung aus dem Ausland, weswegen auch für die 5. regionalisierte Bevölkerungsvorausberechnung mehrere Varianten berechnet wurden. Die Ergebnisse verdeutlichen, dass die berechneten Zuwanderungsszenarien einen nur sehr begrenzten Einfluss auf den demografischen Wandel haben werden. Selbst bei relativ starker Zuwanderung aus dem Ausland wird der Altenquotient in Niedersachsen im Jahr 2045 bei etwa 56,7 liegen, bei geringer Zuwanderung dagegen bei 59,0 (2024: 40,0). Der zuwanderungsbedingte Unterschied der Berechnungsvarianten liegt also bei nur etwa 2,3 Personen im Rentenalter pro 100 erwerbsfähigen Personen, sofern hier das vollendete 65. Lebensjahr als tatsächlich realisiertes Renteneintrittsalter angenommen wird.

Bis zum Jahr 2045 wird sich in Niedersachsen somit ein tiefgreifender Wandel der Altersstruktur zeigen, der in seinem Ausmaß mit nur relativ geringen zuwanderungsbedingten Unsicherheiten behaftet ist.

Flächendeckende Alterung zu erwarten, aber regional unterschiedlich stark

In allen der 89 betrachteten Gebiete verändert sich die demografische Struktur bis zum Jahr 2045 deutlich. Überall wird die Anzahl der Personen im erwerbsfähigen Alter zurückgehen, während gleichzeitig die Zahl derer im Rentenalter von 65 Jahren und älter steigt. Lediglich das Ausmaß der Veränderung zeigt regionale Unterschiede. Im eher ländlichen Raum von Niedersachsen kann ein deutlicherer Wandel angenommen werden als in größeren Städten.

Die dargestellt Karte zeigt die Veränderung des Altenquotienten vom Jahr 2024 bis zum Jahr 2045 in Prozent. Hier sind deutliche regionale Unterschiede zu erkennen. Während der Altenquotient in vielen ländlichen Gebieten um mehr als 50% ansteigt, wird der Anstieg in den meisten großen Städten eher gering ausfallen, und teilweise weniger als 30% betragen. Insbesondere im ländlichen Raum des westlichen Niedersachsens sind sehr deutliche Anstiege zu erwarten.
A3 Regionale Veränderung des Altenquotienten in Niedersachsen bis zum Jahr 2045 bei moderater Entwicklung demografischer Komponenten

So erhöht sich bei angenommener moderater Entwicklung der demografischen Komponenten der Altenquotient in den Städten

  • Achim (+19,2%),
  • Wolfsburg (+21,0%),
  • Laatzen (+24,0%) und
  • Einbeck (+25,2%)

prozentual am geringsten. Und auch in folgenden weiteren Städten wie beispielsweise

  • Barsinghausen (+26,1%),
  • Hildesheim (+28,3%),
  • Göttingen (+28,7%) oder
  • der Landeshauptstadt Hannover (+34,6%)

wächst der Altenquotient prozentual weniger stark als im Landesdurchschnitt (+44,5%).

Wohingegen im Umland der Städte

  • Vechta (+81,9%),
  • Oldenburg (+71,5%) und
  • Cloppenburg (+102,6%)

immense prozentuale Erhöhungen zu erwarten sind. Im Umland der Stadt Cloppenburg wird sich die Anzahl der Personen der Altersgruppe 65 Jahre und älter im Verhältnis zur erwerbsfähigen Bevölkerung mehr als verdoppeln. Lag der Altenquotient hier im Jahr 2024 noch bei 30,3 wird er sich bis zum Jahr 2045 auf 61,4 erhöht haben.

Göttingen mit geringem Anstieg der Altersgruppe 65+

Spannend bei der Analyse des ansteigenden Altenquotienten ist die Frage, welcher Faktor – die Schrumpfung der erwerbsfähigen Bevölkerung oder der Anstieg der Personen im Rentenalter – den größten Einfluss auf die Entwicklung hat.

Auffällig ist, dass insbesondere im südöstlichen Niedersachsen relativ geringe prozentuale Anstiege der Bevölkerung im Alter von mindestens 65 Jahren vorausberechnet wurden. Bei angenommener moderater Entwicklung der demografischen Komponenten wächst die Bevölkerungsgruppe der mindestens 65-Jährigen unter anderem in:

  • der Stadt Göttingen (+1.432; +5,6%),
  • dem Umland der Stadt Göttingen (+3.387; +7,2%),
  • der Stadt Einbeck (+581; +7,0%),
  • der Stadt Laatzen (+782; +7,4%),
  • der Stadt Achim (+627; +7,9%) und
  • der Stadt Barsinghausen (+756; +8,8%)

in vergleichsweise geringerem Umfang. Dort war der Anteil der mindestens 65-Jährigen an der Gesamtbevölkerung im Ausgangsjahr 2024 bereits vergleichsweise hoch (u. a. Einbeck mit nahezu 30%), so dass die Zuwächse in dieser Altersgruppe bis zum Jahr 2045 entsprechend gering ausfallen. Somit wird der Anstieg des Altenquotienten hier weniger durch die gestiegene Anzahl der Personen im Rentenalter beeinflusst.

Dagegen steigt die Anzahl der mindestens 65-Jährigen besonders deutlich in Gebieten mit geringerem Anteil dieser Altersgruppe im Jahr 2024 wie bspw.

  • im Umland der Stadt Cloppenburg (+12.418; +49,1%),
  • dem Umland der Stadt Vechta (+10,164; +48,6%) und
  • der Stadt Vechta selbst (+2.401; +40,5%).

In den Städten Vechta und Cloppenburg sowie deren Umland waren im Jahr 2024 weniger als 20% der Bevölkerung mindestens 65 Jahre alt.

Die dargestellte Karte zeigt die prozentuale Veränderung der Zahl der Bevölkerung im Alter von mindestens 65 Jahren bis zum Jahr 2045 gegenüber 2024 bei angenommener moderater Entwicklung demografischer Komponenten. In ganz Niedersachsen steigt die Zahl der Personen im Alter von mindestens 65 Jahren. Besonders im südöstlichen Niedersachsen sind die prozentualen Veränderungen eher moderat (weniger als 10%), auch weil hier im Ausgangsjahr schon eine relativ große Zahl von Personen im Alter von 65 Jahren oder Älter lebt. In vielen anderen Gebieten, insbesondere im westlichen Niedersachsen sind stärkere Anstiege zu erwarten.
A4 Regionale Veränderung der Zahl der Bevölkerung im Alter von mindestens 65 Jahren bis zum Jahr 2045 bei moderater Entwicklung demografischer Komponenten

Starker Rückgang bei der erwerbsfähigen Bevölkerung im ländlichen Raum Niedersachsens

Reduziert sich die Anzahl der erwerbsfähigen Bevölkerung, erhöht sich der Altenquotient, selbst wenn die Zahl der Personen im Rentenalter unverändert bleibt. In vielen Städten Niedersachsens bleibt die Personengruppe im Erwerbsalter bis zum Jahr 2045 relativ stabil und sinkt nur leicht. So verlieren die Städte

  • Wolfsburg (-3.230; -4,3%),
  • Nordhorn (-2.008; -6,1%),
  • Lehrte (-1.638; -6,4%) und
  • Lingen (Ems) (2.339; -7,0%)

zahlenmäßig nur wenige Erwerbsfähige. Auch die Landeshauptstadt Hannover (-9,3%) liegt unterhalb des Landesdurchschnitts (-15,0%).

In vielen eher ländlich geprägten Landkreisen wird das Arbeitskräftepotential im Jahr 2045 wiederum deutlich niedriger sein als noch 2024. Auch in einigen kleineren Städten, die weiter entfernt von den Metropolen Hamburg, Bremen und Hannover liegen, wird sich die Zahl der Personen im erwerbsfähigen Alter von 20 bis 64 Jahren teilweise in großem Ausmaß reduzieren.

So wird bei moderater Entwicklung der demografischen Komponenten der prozentuale Rückgang der Personen im Erwerbsalter bis zum Jahr 2045 in folgenden Gebieten voraussichtlich am stärksten sein:

  • Stadt Bramsche (-5.199; -32,5%),
  • Umland der Stadt Göttingen (-32.476; -29,2%),
  • Umland der Stadt Cloppenburg (-22.127; -26,5%),
  • Heidekreis (-20.197; -25,0%),
  • Stadt Papenburg (-5.020; -22,4%) und
  • Umland der Stadt Oldenburg (-12.945; -22,1%).
Die Karte zeigt die prozentuale Veränderung der Zahl der Personen im Alter zwischen 20 und 64 Jahren bis zum Jahr 2045 gegenüber 2024, also der erwerbsfähigen Bevölkerung. Dieser Anteil geht flächendeckend zurück. Besonders deutlich ist der Rückgang im ländlichen Raum sowie in kleineren Städten, die weiter entfernt von den großen Städten Hannover, Bremen und Wolfsburg liegen.
A5 Regionale Entwicklung der Zahl der Bevölkerung im Alter zwischen 20 und 64 Jahren bis zum Jahr 2045 bei moderater Entwicklung demografischer Komponenten

Fazit

Die Ergebnisse der 5. regionalisierten Bevölkerungsvorausberechnung zeigen, dass die Bevölkerung Niedersachsens bis zum Jahr 2045 bei moderater Entwicklung der Geburtenrate, der Lebenserwartung und der Zuwanderung aus dem Ausland überall älter wird. Lediglich das Ausmaß der Veränderung ist regional unterschiedlich. Dabei wird der demografische Wandel in einigen Gebieten eher von starken zahlenmäßigen Rückgängen der Personen im erwerbsfähigen Alter beeinflusst, während andernorts deutliche Anstiege der Personenzahlen im Rentenalter zu erwarten sind. In einigen Gebieten wird voraussichtlich auch beides der Fall sein, was mit entsprechend erheblichen Anstiegen des Altenquotienten einhergeht. Weiterhin wird deutlich, dass auch eine angenommene höhere Zuwanderung den demografischen Wandel in Niedersachsen nur sehr geringfügig bremsen kann. Somit ist es aktuell plausibel, anzunehmen, dass der demografische Wandel die Bevölkerung in Niedersachsen bereits in den kommenden 10 Jahren nachhaltig verändern wird. Als entsprechend sicher sind die damit verbundenen Konsequenzen für das Sozialsystem, den Wohnungsbau sowie die Infrastruktur-, Krankenhaus- und Pflegeplanung zu betrachten.